Ansicht der Erde aus dem Weltall

Um die Erde denken

Die durch Menschen hervorgebrachte Klimaerwärmung hat eine Ursache im Glauben ans Wirtschaftswachstum und stellt unsere Lebensbedingungen infrage. Wir sind gefordert, mit dem Blick auf die gesamte Menschheit zu handeln. Es ist wichtig, wohl überlegte Maßstäbe für die eigene Entscheidung zu gebrauchen und an der Zeit, einerseits dem Kapitalismus den Kraftstoff an den Stellen zu entziehen, wo er droht, unser Leben zu verbrennen, andererseits jedoch seine Kraft zu nutzen, wo es sinnvoll ist. Im Konkreten hat jeder Einzelne selbst einen Handlungsspielraum. Ich zum Beispiel habe mein Amazon-Konto gelöscht und bin Genosse der GLS Bank geworden. Darüber hinaus ist vernünftiges gemeinsames Handeln notwendig. Wir können um die Ecke denken, müssen um die Erde denken und haben unsere Werkzeuge sinnvoll zu gebrauchen.

Unsere Erde als Raumfahrer von ferne zu sehen, beeindruckt sehr tief. Der Astronaut Michael Collins fand beim Anblick unseres Planeten folgende Worte: „Das, was mich wirklich überrascht hat, war, dass sie einen Hauch von Zerbrechlichkeit ausstrahlt. Und warum, ich weiß es nicht. Ich weiß es bis heute nicht. Ich hatte das Gefühl, sie ist winzig, sie ist glänzend, sie ist schön, sie ist Zuhause und sie ist zerbrechlich.“ Für mich spricht daraus ein tiefes Verstehen über die Verbundenheit allen Lebens auf der Erde und es erwächst ein neues Empfinden der Verantwortung für unsere Umwelt, was auch mit dem Overview-Effekt beschrieben wird.

Unser Wissen über die Klimaerwärmung

Derzeit gebrauchen wir die Ressourcen der Erde in einer Form, die unseren langfristigen Lebensbedingungen zuwiderläuft. Eine überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler in dem Bereich der Klimaforschung kommt zu dem Schluss, dass wir die Emissionen an Gasen, die die Erde weiter erwärmen, drastisch zu reduzieren haben, um unsere Lebensbedingungen nicht zu zerstören. Dass nicht alle Forscher diese These unterstützen, ist ein selbstverständlicher Teil der wissenschaftlichen Praxis.

Bei der Frage, ob der Mensch einen wesentlichen Einfluss auf die Klimaerwärmung hat, handelt es sich um eine nicht einfach zu beantwortende Frage. Es gibt keinen einfachen und direkten Zusammenhang, wie beispielsweise: Wenn es regnet, wird die Erde nass. Doch kann mit wissenschaftlicher Methodik ein Bezug zwischen dem, was wir als Menschen tun und der Erderwärmung hergeleitet werden. Zu diesem Ansatz gehört es, eine Behauptung mit einer Gegenbehauptung zu prüfen. Konsequent testen kann eine Einzelperson und noch besser eine Institution. Dies bedeutet, dass, selbst wenn ein großer Zusammenschluss von Experten sich einig ist und die Fakten diesen klar sind, es weiterhin Kritiker geben wird, die das Gegenteil behaupten. So spricht die deutlich kleinere Gruppe der Forscher, die den menschengemachten Einfluss auf die Klimaerwärmung negieren, für die Relevanz und die Klarheit des Zusammenhanges. Einen Konsens aller Wissenschaftler wird es nie geben.

Die fehlende Lokalität macht die Thematik komplex. Sichtbar wird dies an dem umfassend bilanzierten und dokumentierten Ausstoß von Kohlendioxid (CO2). Durch CO2 gefährden wir nicht direkt unsere Gesundheit, weil wir nicht an CO2 selbst ersticken; aber das Kohlendioxid führt eine Veränderung unseres Klimas herbei. Es wird zwar lokal bei einer Verbrennung in die Atmosphäre gestoßen, doch verteilt es sich dort und wird über Winde weitergetragen. Die Anteile von diesem Gas in der Lufthülle erscheinen äußerst gering, doch sind die Hauptbestandteile Stickstoff und Sauerstoff nicht in der Lage, das Sonnenlicht in Wärme umzuwandeln. Allein Wasserdampf und CO2 sind hier maßgeblich wirksam. Eine Verdoppelung der CO2-Menge in unserer Atmosphäre durch das menschliche Verhalten ist somit eine gravierende menschengemachte Veränderung.

Über viele Jahre war ich als Wissenschaftler im ingenieur- und naturwissenschaftlichen Bereich tätig – wenn auch nicht in der Klimaforschung direkt – und komme daher zur Einschätzung, dass es eine neue Ausrichtung in unserer Handlungsweise braucht, um die durch Menschen verursachte Klimaerwärmung einzudämmen. Die vorliegenden Fakten sind nachvollziehbar und mit Quellen belegt. In diesem Sinne habe ich den Aufruf von scientists4future im März 2019 unterzeichnet.

Auch die Regierung in Deutschland hat Maßnahmen ergriffen und damit den menschengemachten Einfluss auf die Klimaerwärmung als wesentliche politische Aufgabe erkannt. Die vom Klimakabinett im September 2019 vorgeschlagenen Schritte sind allerdings nach Einschätzung der Experten nicht ausreichend, um die selbstgesetzten Ziele zu erreichen.

Andererseits findet sich der breite Konsens, wie unter den Wissenschaftlern und Politikern, nicht in allen Teilen der Bevölkerung wieder. In meinem Umfeld höre ich kritische Fragen, die zeigen, dass die Faktenlage nicht so umfassend akzeptiert ist, als dass sie für das eigene Handeln Konsequenzen hätte. In diesem Sinne sind die unscharfen Maßnahmen der Bundesregierung auch als Chance zu begreifen. Zunächst kommunizieren sie: Wir erkennen die Fakten an und handeln, doch lassen wir dem Einzelnen einen Freiraum und legen nicht fest, was er konkret zu tun hat.

Wie mache ich von meinen Möglichkeiten Gebrauch?

Den mir zur Verfügung stehenden Handlungsspielraum möchte ich sinnvoll einsetzen. Für die Bestandsaufnahme verwende ich den CO2-Rechner des Umweltbundesamtes. Viele Emissionen waren wie vermutet und hatten den erwarteten Einfluss auf meine Bilanz. Doch als ich meine Daten eingab und auswertete, überraschten mich auch zwei Dinge: die hohen CO2-Emissionen durch mein Konsumverhalten und die Vermeidung bei anderen durch eine klimafreundliche Geldanlage.

Ich lege mich hier nicht für die Zukunft fest, sondern reflektiere über das, was ich getan habe, um zu prüfen, nach welchen Maßstäben ich entscheiden möchte: Welche Kategorien sollen mehr Raum bekommen? Welche an Bedeutung verlieren? Das Genaue drängt sich bei Entscheidungen schnell in den Vordergrund, ist jedoch nicht das Wesentliche. So ist hier meine Überraschung über die Posten „Konsumverhalten“ und „klimafreundliche Geldanlage“ Anlass, diese Bereiche genauer zu betrachten, denn sie deuten auf den Kern des Problems.

Die Geldanlage, wie auch beim Konsum die Geldausgabe, ist in unser modernes Leben fest integriert und bedient sich einer präzisen Einzahlgröße: des Geldes. Der britische Ökonom Charles Goodhart formulierte die Bedeutungslosigkeit von Einzahlgrößen im Kontext der Finanzregulierung folgendermaßen: „Sobald eine Regierung versucht, bestimmte finanzielle Aktivposten zu regulieren, werden diese als Indikatoren für ökonomische Trends unbrauchbar.”

Dem Geldbetrag selbst sehe ich es nicht an, was ihm gegenübersteht, entsprechend wohl überlegt sollte der Umgang mit ihm sein. Er ist quasi der Treibstoff. Kommt er zum Einsatz, um Bäume zu pflanzen oder um den Wald zu roden? Ihn an der richtigen Stelle zu gebrauchen ist entscheidend und wirksamer, als ein wenig Sand in ein großes Getriebe zu streuen.

Lohnt es sich noch Kunde, von Amazon zu sein?

Bei meiner CO2-Bilanz ist der Konsum ein bedeutender Anteil. Dieser ist maßgeblich durch die Geldausgaben bestimmt, aber auch durch die Langlebigkeit, Wiederverwendung und Reparatur von Produkten. Mit Blick auf die weltweite Verteilung der Vermögen steht an der Spitze aktuell der Chef von Amazon. Sein Besitz liegt deutlich über der für mich kritischen natürlichen Obergrenze von etwa einer Million Euro. Entsprechend skeptisch betrachte ich ein Handeln, welches solche Extremvermögen begünstigt. Warum soll ich die Profitgier von einem Millionär oder gar Milliardär unterstützen, welcher rücksichtslos Ressourcen unseres Planeten verbraucht? Warum also Kunde bei Amazon sein, wo doch ein Leben auf der Erde auch ohne das Unternehmen möglich ist?

In diesem Kontext fühle ich mich bestärkt in der Entscheidung, kein Amazon-Kunde mehr zu sein. Vor einigen Jahren hatte ich mein Kundenkonto in einem komplizierten Prozess geschlossen – dieser Vorgang war von Amazon nicht vorgesehen. Zunächst machte ich diesen Schritt wegen des Umgangs mit meinen Kundendaten, dann stellte ich jedoch auch fest, dass ich im Fachhandel bares Geld sparte: Ich kaufe seither die Produkte, die ich brauche, und nicht mehr die, die mit maximalen Features ausgestattet sind. Mein Konsum hat sich ebenfalls dadurch reduziert, dass ich weniger Zeit in Bereichen verbringe, die das Ziel haben, Sehnsüchte auf Produkte zu generieren. Darüber hinaus hat das lokale Einkaufen, mit Fahrrad oder zu Fuß, eine deutlich positivere CO2-Bilanz, da nicht einzelne kleine Sendungen möglichst schnell direkt zum Privatkunden geliefert werden müssen.

Teil der GLS Bank sein

Für die Menschen ist der Austausch untereinander wesentlich. Es ist eine positive Leistung unserer heutigen Wirtschaftsweise, dass Erdenbewohner unterschiedlichster Nationen und Glaubensrichtungen miteinander Handel treiben. In diesem Sinne begrüße ich Geschäftsmodelle, bei denen mit dem Kunden gearbeitet wird und nicht alles Mögliche unternommen wird, um möglichst viel an Aufmerksamkeit, Zeit und Geld von ihm zu bekommen.

Das Miteinander-Wirtschaften steht nicht in Konkurrenz zu CO2-Emissionen, wie sich am Beispiel von klimafreundlicher Geldanlage zeigt. Dahinter stehen zwar nur eingesparte Emissionen bei anderen, doch diese summieren sich zu einem beachtlichen Anteil. Vor einem Jahr kündigte ich einen Baustein für meine Altersvorsorge, einen fondsgebundenen Vertrag. Ich bekam nahezu das ausgezahlt, was ich insgesamt eingezahlt hatte. Die Gewinne entsprachen somit in etwa den Verwaltungskosten. Die Rendite blieb bei anderen. Stattdessen habe ich nun Genossenschaftsanteile bei der GLS Bank erworben, natürlich auch ein risikobehaftetes Geschäft, doch vom Geschäftsmodell her nicht auf ein Gegeneinander-Ausspielen angelegt. Die Fälle von Konkurs sind bei Genossenschaften deutlich geringer als bei Unternehmensformen, welche allein die Rendite im Fokus haben. Die GLS Bank selbst hat sich neben sozialen vor allem auch klimafreundlichen Zielen verpflichtet. So leistet mein Geld Gutes für eine lebenswerte Zukunft.

Die Selbstoptimierung des Kapitalismus

Das Überraschende an dem kritischen Posten „Konsumausgaben“ ist ein weiterer Punkt: Für eine niedrige CO2-Bilanz ist es gut, wenig zu konsumieren. Dies widerspricht der Handlungsmaxime des Wirtschaftswachstums als etwas Positives, was jedoch ein wichtiger Bestandteil unserer heutigen kapitalistischen Wirtschaftsweise ist. Die Funktionsweise des Kapitalismus beschreibt Rainer Bucher im Buch Christentum im Kapitalismus als individuelle Selbstoptimierung, welche auf der Sehnsucht fußt, etwas für sich haben zu wollen. Da dieses Modell im Kontext unseres heutigen Wissens über den Klimawandel nicht mehr haltbar ist, ist es notwendig, über zukünftige Wege nachzudenken und unser Zusammenleben neu zu gestalten.

Ein Wirtschaften ohne festgelegten Plan funktioniert meiner Ansicht nach besser als das blinde Abarbeiten einer Vorgabe, da selbstorganisierte Strukturen lernfähiger und dynamischer sind als ein ausgedachter Plan von wenigen Menschen für viele, da mehr Menschen nach dem gleichen Ziel im Jetzt proaktiv handeln. Jedoch führt die Handlungsmaxime der Gewinnmaximierung des Einzelnen in der Gesellschaft nicht zwangsläufig zu einer gut miteinander kooperierenden Gemeinschaft. Im Gegenteil: Der Blick auf das Wir geht verloren und die Renditeerwartung legt das Handeln in der Gegenwart durch dieses Ziel in der Zukunft fest. Durch die Dominanz der ökonomischen Betrachtung entstehen Notwendigkeiten, und Möglichkeiten zu agieren verschwinden. In einem weiter gedachten Kapitalismus ist es erfolgreicher, vorhandenes Wissen zu nutzen und dieses wohl überlegt – und dafür helfen mehr denkende und mitentscheidende Leute – zu gebrauchen.

Im täglichen Leben treffen wir immer wieder zahlreiche Entscheidungen. Aus der Notwendigkeit, sich zu entscheiden – ebenso hat das Nichtentscheiden Konsequenzen – braucht es einen Bewertungskatalog. Oft helfen bei Entscheidungsfragen genaue Zahlen, wie der Preis, aber auch andere quantifizierbare Größen. Diese vergleichenden Maße sind allein Abbildungen der eigentlichen Qualität der Sache, aus der Zahl kann ich das ursprüngliche Objekt nicht rekonstruieren.

Als Beispiel die Betrachtung eines Musikstücks: Ist mir allein die Dauer bekannt, lässt sich nicht wirklich etwas über das Stück aussagen. Bei Kenntnis des Musikgenres, des Interpreten und des Titels mag ich mich an das Stück erinnern können, doch zum erneuten Erleben braucht es einiges mehr. Selbst stark komprimiert als MP3 besteht ein Musikstück noch aus langen Zahlenkolonnen. Werden Entscheidungen anhand einer einzelnen oder sehr wenigen Zahlen getroffen, findet eine solche Reduktion statt. Diese ermöglicht es zwar, das längste oder das kürzeste Stück aus einer Gruppe von Musikstücken auszuwählen, doch die eigentliche Stimmung lässt sich mit dieser starken Vereinfachung nicht beschreiben.

Werden wir im Alltag zu einer Entscheidung herausgefordert, wie etwa durch ein beworbenes Sonderangebot, dann laufen wir Gefahr, schnell nach dem Preis zu entscheiden. Die Sehnsucht, etwas haben zu wollen, ist beim Konsumenten eine gewichtige Größe. Solange kein anderer Wertmaßstab explizit angewendet wird, handelt man nach dem eigenen ökonomischen Maßstab. So ist man ohne Wertesystem schnell und unüberlegt in der Rolle des kapitalistisch Kalkulierenden, der seinen Eigennutzen maximiert.

Den Kapitalismus für unser Leben auf der Erde gebrauchen

Durch das Festhalten am Wirtschaftswachstum haben wir inzwischen eine starke Privatwirtschaft. Nun ist es insbesondere an ihr, die eigene Kraft zu nutzen, um sich der Aufgabe anzunehmen, den Kapitalismus für die Menschheit gut auszugestalten. In diesem Zusammenhang macht es Mut, dass durch den Blick auf den Sinn des Unternehmens deutlich mehr als der reine Profit im Fokus ist und vermehrt klimaneutral gewirtschaftet wird. Insbesondere die sozialen und kulturellen Dimensionen, welche nicht einer Einzelperson zuzuordnen sind und sich nur vage erfassen lassen, sind entscheidend für unser Miteinander und gewinnen heute an Bedeutung. Solche wichtigen Größen wegen ihrer Unschärfe zu ignorieren würde zu einer dicken Fassade ohne Kern führen.

In unserer sich schnell ändernden Welt sind die Strukturen, die lernfähig sind, diejenigen, die auch weiterhin benötigt werden. Die Erkenntnis, dass wir unsere Wirtschaftsweise für eine gemeinsame Zukunft grundlegend zu ändern haben, ist in dieser Hinsicht eine Chance, unser Wissen für unser tägliches Handeln zu gebrauchen. Inzwischen ist nicht nur der Handel mit Waren und Dienstleistungen global und schnell, sondern ebenso der Austausch von Wissen. Es ist heute Aufgabe, die unterschiedlichen Positionen von Menschen, welche nicht allein sich selbst im Blick haben, sondern sich des Aufeinander-angewiesen-Seins bewusst sind, miteinander abzustimmen und zur Gestaltung von unserem gemeinsamen Leben auf der Erde zu nutzen.

Wolfgang Kessler führt in seinem Buch Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern aus, wie konkret Aufbrüche in diese neue Zeit bereits im Kleinen funktionieren und bietet Ideen an, was wir gemeinsam tun können. Denn einer allein kann durch sein Verhalten die Klimaerwärmung nicht stoppen. Bis die Tagebaurestlöcher der Braunkohlegewinnung mit Holzkohle verfüllt sind, wird einige Zeit vergehen. Die Kunst ist es, das mächtige Werkzeug Kapitalismus wohlerwogen und zielsicher einzusetzen und es nicht unkontrolliert seinem Selbstzweck zu überlassen.

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