Buch über Friedrich Emil Krauß mit Schwibbogen Abbildung

Friedrich Emil Krauss

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Meinen Urgroßvater Friedrich Emil Krauß habe ich nicht mehr kennengelernt. Ich kam ein Jahr nach seinem Tod zur Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste er für immer seine Heimat verlassen. Mein Vater ist einer seiner Enkel. Seine Familie verließ 1955 Sachsen und fand in Baden-Baden ein neues Zuhause. Ich selbst wuchs in der Bodenseeregion und in Villingen-Schwenningen auf und wohne seit 1998 in Dresden.

Als ein anderer Urgroßvater von mir im Jahr 1986 beerdigt wurde, fragte ich als kleiner Junge: „Waren eigentlich vor den Urgroßeltern auch schon Leute? “. Damals war Deutschland geteilt. Die Vergangenheit der Familiengeschichte lag in der damaligen DDR, während die Familie selbst nun in der BRD lebte. Für meine Großeltern war es ein Anstoß, die eigene Geschichte aufzuschreiben. Zwar hatte Friedrich Emil Krauß seine Familiengeschichte dokumentieren lassen, doch fehlte die von seinem Schwiegersohn, meinem Großvater. Mein Großvater brachte als Ingenieur in jahrelanger Arbeit die zusammengetragenen Informationen auf seinem großen Reißbrett, was in seinem Arbeitszimmer stand, als Stammbaum mit Tusche aufs Pergament. Wenn ich in den Ferien zu Besuch war, zeigte er mir gerne auf der Ahnentafel, was er Neues herausgefunden hatte. Die umfangreichen Recherchen dokumentierte er mit dem Computer und erstellte Bücher.

Die Arbeit mit der neuen Technik fiel meinem Großvater nicht leicht. Doch halfen die jüngeren Generationen ihm immer wieder. Unbefangen kamen wir mit der Technik klar und er notierte sich nebenbei den Weg, wie wir es machten. Heute wird dies als „Paired Programming“ bezeichnet. Meine Großmutter hielt Abstand zur Technik und diktierte ihm ihre Texte.

Friedrich Emil Krauß zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges

Als die Kirchenbücher für den Familienstammbaum nichts mehr her gaben, rückte die Biografie seines Schwiegervaters Friedrich Emil Krauß in den Vordergrund. Dieser war in seinem Heimatort Schwarzenberg im Erzgebirge als Fabrikant der Krausswerke sehr bekannt. Auch nach dem Krieg wurden im VEB Waschgerätewerk Schwarzenberg weiter Waschmaschinen gefertigt und nach der Wende der erste FCKW-freie Kühlschrank hergestellt. Zum Gedenken seines 100. Geburtstages erstellten meine Großeltern ein Buch über ihn. Ich erinnere mich noch, wie ich bei einem Besuch das Titelbild am Computer bearbeitete, sodass alle Kerzen auf dem Schwibbogen gleichhell brennen (siehe obiges Foto).

Als Kind lernte ich die Familiengeschichte in Fragmenten kennen. Die Zeit des Zweiten Weltkrieges wurde ausgespart. Wenn in den Abendnachrichten die Partei PDS genannt wurde, schimpfte mein Großvater emotional aufgebracht auf „die Roten“ und meine Großmutter saß still im Hintergrund. „Die Roten“ hatten in seinen Augen das Holzhaus, das moderne Wohnhaus der Familie Krauß, abbrennen lassen und alles zerstört. Eine sachliche Auseinandersetzung mit der Zeit kannte ich nicht. Doch erschienen auf den Fotos der Krausswerke Hakenkreuze.

Als ich im Jahr 1998 mein Studium des Maschinenbaus an der Technischen Universität Dresden begann, stieß ich auf die Liste der Ehrendoktoren der Fakultät. Darunter war auch ein Friedrich Emil Krauß. Auf die Frage, ob dies mein Urgroßvater sei, bestätigte es mein Großvater und sandte mir umgehend eine Kopie der Urkunde. Befremdlich hielt ich diese in den Händen. Der Stempel mit Hakenkreuz und dem Datum 29.03.1945 ließ in mir die Frage aufkommen: Welche Rolle hat er zu den Zeiten der Nazis gespielt? War er Parteimitglied? Aktiv an der rassistischen Politik beteiligt? Meinen Großeltern habe ich diese Fragen nie gestellt.

Behandlung von Ostarbeitern

Über Jahre lebte ich mit der Ungewissheit, was meine Vorfahren in dieser Zeit gehandelt hatten, sie war aber auch fern, da ich im Alltag nicht damit konfrontiert wurde. Als ich 2018 mit meinen Geschwistern einen Ausflug nach Schwarzenberg unternahm, begann sich der Nebel zu lichten. In einem Café erhielten wir einen Abdruck von dem Artikel: Friedrich Emil Krauß (1895-1977) – Ein Unternehmer aus dem Erzgebirge, verfasst von Lenore Lobeck. Sachlich und differenziert erhielt ich da Antworten auf die Fragen. Dargestellt wird zum einen, wie er einen Vorzeigebetrieb zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges betrieb und Repräsentanten der Politik empfing, aber auch, wie er sich um seine Arbeiter kümmerte, egal ob Schwarzenberger seit Generationen oder Zwangsarbeiter des NS-Regimes.

Dieser menschenwürdige Umgang mit seinen Mitmenschen wurde von der Landesdirektion Sachsen anerkannt, als diese im letzten Jahr, im Rahmen einer Entschädigungsforderung seiner inzwischen verstorbenen Töchter, seine Handlungen zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges begutachtete. Zwar waren in den Archiven der Stadt Schwarzenberg, des Bundes und anderen heute verfügbaren Quellen keine entlastenden Dokumente für ihn zu finden – es wäre zu der Zeit auch zu seinen Ungunsten gewesen – jedoch fanden sich welche in einem dafür vorbereiteten Ordner meiner Großeltern und in den umfangreichen Recherchen von Lenore Lobeck.

Es kam zu einer positiven Entscheidung der Landesdirektion Sachsen; insbesondere war sein Umgang mit den Ostarbeitern überzeugend. Er sorgte sich persönlich nicht nur um das menschliche und versorgungsgemäße Wohlergehen, sondern besorgte ihnen auch Musikinstrumente. Am Ende sangen sie ihm zum Abschied ein Ständchen am Bahnhof. Wie die zuständige Referentin der Landesdirektion mitteilte, kommt eine solche positive Geschichte selten vor. In den meisten Fällen haben die Menschen damals ihre Spielräume für einen menschenwürdigen Umgang nicht gebraucht.

Es war nicht selbstverständlich, das Menschliche zu tun und die Möglichkeiten zu gebrauchen, um Mitmenschen mit Würde zu behandeln. An dieser Stelle dabei sollte nicht vergessen werden, dass Friedrich Emil Krauß ein gut laufendes Unternehmen zu Zeiten des Nazi-Regimes hatte und auch Rüstungsgüter produzierte. Mit der staatlichen Ebene stand er in Kontakt, insbesondere um die Volkskultur in der Heimat zu stärken. Er machte, was man in dieser Position zu dieser Zeit tat und war damit auch Teil des NS-Propagandaapparates.

Das Erbe von Friedrich Emil Krauß

Es freut mich, dass beim Blick in die dunkle Zeit doch auch Licht scheint. Ab 1945 war Friedrich Emil Krauß 9 Jahre im Gefängnis – unter schwierigsten Umständen. Der Rückhalt aus seiner Heimatstadt und die Erinnerung an die gute Zeit müssen ihm das Durchhalten in dieser schweren Zeit ermöglicht haben. Wichtiger noch für ihn mag aber der würdevolle Umgang mit seinen Mitmenschen gewesen sein.

Meine Großmutter hielt in ihrem Buch Das Leben sei ein Lobpreis auf die Heimat über ihn fest „In den Jahren seiner Haft sagte ein wohlwollender russischer Offizier zu ihm, er habe leider das Pech, ein reicher Mann gewesen zu sein. Der äußere Reichtum sei schuld an seiner Internierung, doch sein innerer Reichtum habe ihm geholfen, diese schwere Zeit zu überstehen“.

Betrachte ich heute die Bereiche, mit denen er sich befasst hat, so ist dies nicht allein der Wirtschaftsbetrieb; Soziales und Kulturelles spielten eine große Rolle. Diese gewinnen heute zunehmend an Bedeutung. Das ökonomische Erbe von Friedrich Emil Krauß ist durch die zeitlichen Umbrüche nicht mehr bedeutend, doch die anderen Reichtümer sind weiterhin wichtig und nicht allein den direkten Nachfahren vorbehalten. Er hat nicht nur das getan, was man zu tun hatte – er ist aus dem Man herausgetreten und in seiner Einzigartigkeit sichtbar geworden.

Man macht oder gestaltet selbst

Heidegger schreibt in Sein und Zeit über das Man, dass es unauffällig und nicht feststellbar seine Diktatur entfaltet. In dieser ungreifbaren Form kann es Verantwortung übernehmen, da keiner es ist und so niemand für etwas einzustehen braucht. Der unpersönlichen Gleichmachung und des Durchschnitts steht die Einzigartigkeit jedes Menschen gegenüber. Und so schreibt Heidegger weiter über das Menschsein in unserer Welt: „Wenn das Dasein die Welt eigens entdeckt und sich nahebringt, wenn es ihm selbst sein eigentliches Sein erschließt, dann vollzieht sich dieses Entdecken von Welt und Erschließen von Dasein immer als Wegräumen der Verdeckungen und Verdunkelungen, als Zerbrechen der Verstellungen, mit denen sich das Dasein gegen es selbst abriegelt.“ Bei Hannah Arendt ist dies wesentlich für das Miteinander, was kein Füreinander ist.

Gerade in der heutigen Zeit ist Hygiene wichtig, ein Thema, das die Krausswerke mit der beginnenden Badewannen- und Waschmaschinenproduktion bedienten. Die Liebe zur Heimat und die Bereitschaft, diese zu gestalten waren weitere Schwerpunkte des Schaffens von Friedrich Emil Krauß. Noch heute ist der von Paula Jordan gestaltete Schwibbogen zur Weihnachtszeit erleuchtet in den Fenstern zu sehen. In einem von ihm initiierten Wettbewerb war das Motiv ausgewählt worden, jedoch hatte er das Hakenkreuz durch die Meißner Schwerter ersetzt. Sein menschenwürdiger Umgang mit seinen Mitmenschen, insbesondere den Zwangsarbeitern wird heute positiv anerkannt und ist, mit Blick auf die Behandlung von Menschen die zu uns flüchten, weiterhin keine Selbstverständlichkeit. Mit der frühen Trennung von seiner Frau hat er auch eine wichtige Aufgabe an die späteren Generationen weitergegeben. Ich bin dankbar dafür, dass meine Eltern und Großeltern konsequent miteinander Familie leben.

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