Tafel Schokolade in Stücken.

Miteinander unser Vermögen gebrauchen

Die durch das Geld messbaren Vermögen von Einzelpersonen sind sehr unterschiedlich verteilt. Es gibt unfassbare Einzelvermögen. Da diese sehr großen, hypersolventen und wenigen Einzelvermögen eine starke steuernde Kraft ausüben, sehe ich die Notwendigkeit für einen demokratischen Staat, diesem finanziellen Ungleichgewicht entgegenzusteuern. Eine Demokratie beruht auf Rechtsgleichheit und hat zur Aufgabe, unser soziales und kulturelles Kapital zu stärken.

Um eine Tafel Schokolade gerecht zu teilen, gibt es eine einfache Methode: Einer teilt, lässt aber allen anderen bei der Auswahl der Stücke den Vortritt.

Vermögen sind heute sehr unterschiedlich auf Einzelpersonen verteilt. Im Vergleich zu einer fiktiven zufälligen Verteilung wird dies deutlich. Wäre das Vermögen in Deutschland zufällig verteilt, so wäre das größte Einzelvermögen mehr als zehntausendmal kleiner, als es tatsächlich ist. In Deutschland liegt diese natürliche Obergrenze bei rund 1,1 Millionen EUR. Näheres hierzu erfährt man in meinem Beitrag zu unfassbaren Vermögen.

Weltweit betrachtet ist der Unterschied noch gewaltiger. Nehmen wir jegliches Vermögen zusammen, kommen wir nach Schätzungen des Global Wealth Report der Credit Suisse (2018) auf ein gesamtes weltweites Vermögen von 317 Billionen USD. Wenn dieses Gesamtvermögen in einem einzigen Verteilungsvorgang neu auf alle Bewohner dieser Welt zufällig verteilt werden würde, ohne einen Einzelnen zu bevorzugen, hätte die oder der Reichste knapp eine Million USD. Im Mittel wären es pro Kopf unverändert etwa 42 Tausend USD.

Entscheidungen durch Vermögende

Derzeit leben etwa 42 Millionen Millionäre auf dieser Welt, davon rund 2 Millionen in Deutschland. Wenige von ihnen, doch mehr als vielleicht vermutet, sind Milliardäre und besitzen damit über mehr als das Tausendfache eines einfachen Millionärs. Aus meiner Sicht birgt diese starke Konzentration des Vermögens auch eine höchst undemokratische Konzentration der Macht auf wenige Entscheider. Diese Entscheidungsträger sind demokratisch nicht legitimiert.

Zur Veranschaulichung: Werden Investitionen in lokale Industrien vorgenommen oder Standorte aus reinem Dividendenkalkül geschlossen, kann dies für Beschäftigte in der Privatwirtschaft massive Konsequenzen haben. Für den Arbeitnehmer kann ein Umzug mit familiärer Entwurzelung notwendig werden oder die Abzahlung eines Kredites gefährden. Die Großinvestoren haben Einzelschicksale nicht im Blick und fokussieren auf das Genaue als Handlungsziel – das Berechenbare und klar Messbare, was beispielsweise die Dividende sein kann. Bei vielen Beteiligten wird die Situation schnell komplex und höchstwahrscheinlich liegen zahlreiche Interessenkonflikte vor. In solchen vielschichtigen Situationen entscheidet es sich einfacher und schneller nach einer Maßzahl, wie eben der Dividende, als nach dem Wesentlichen, einem guten Miteinander, was das gesellschaftliche Gemeinwohl im Blick hat. Dass sich in solchen Situationen der Vermögendere durchsetzt, verdeutlicht seine Macht. Seine Entscheidungsgewalt schlägt sich aber auch in den Produkten nieder und in einer zugewiesenen Lokalität der Investitionen. Es werden Dinge produziert, die Vermögende für vielversprechend halten, und an Orten hergestellt, denen die Investoren vertrauen. Somit umgeben wir uns mit Gütern, die Vermögende für gewinnbringend deklarieren. Inzwischen halten beispielsweise täglich nahezu alle das „moderne Zepter“ eines Geschäftsführers, ein Smartphone, in der Hand und entscheiden durch einfachste Wischbewegungen. Oder es geht noch einen Schritt weiter: Die auf dem Smartphone bereitgestellten Inhalte bestimmen das Verhalten des Nutzers selbst.

Gegeneinander wirtschaften verhindert ein gutes Miteinander

Für mein Verständnis von Miteinander ist die Beschreibung von Hannah Arendt prägend. Sie führt in ihrem Buch „Vita activa“ aus: „Diese Aufschluß-gebende Qualität des Sprechens und Handelns, durch die, über das Besprochene und Gehandelte hinaus, ein Sprecher und Täter mit in die Erscheinung tritt, kommt aber eigentlich nur da ins Spiel, wo Menschen miteinander, und weder für- noch gegeneinander, sprechen und agieren. Weder die tätige und zuweilen sehr tatkräftige Güte, vor deren Selbstlosigkeit die Mitwelt nur im Modus eines Füreinander erscheint, in dem sich gleichsam jeder vor jedem versteckt, noch das Verbrechen, das sich gegen die anderen stellt und vor ihnen sich verbergen muß, können riskieren, den jeweiligen Jemand, das Subjekt des Handelns und Sprechens, zu enthüllen, und zwar unter anderem auch darum, weil niemand weiß, wen er eigentlich offenbart, wenn er im Sprechen und Handeln sich selbst unwillkürlich mitoffenbart.“ Damit hebt Arendt die besondere Bedeutung und Form des Miteinanders hervor und grenzt sie vom Für- und Gegeneinander ab.

Als Kind wurde ich mit einer Gerechtigkeitsvorstellung vertraut, welche auf Gleichberechtigung und Fairness baut. Die Schokolade war miteinander in gleich große Stücke zu teilen. Doch in unserer Wirtschaftsweise finde ich dies nicht mehr wieder. Beispielsweise scheint es bei Ausschreibungen primär darum zu gehen, das niedrigste Preisangebot abzugeben, um einen Auftrag zu erhalten. Oftmals argumentieren Auftraggeber mit dem Zwang zu sparen und dem Gebot der Effizienz, um dem billigsten Anbieter den Zuschlag zu gewähren. Diese Handlungsweise ist aus meiner Sicht falsch. Denn es wird nicht angemessen darauf geachtet, dass die Preise realistisch und fair sind. Auch bleibt außer Acht, ob unter den angebotenen Bedingungen überhaupt die gewünschte Qualität erbracht werden kann.

Ein sparsamer Einsatz der Mittel im Betrieb, dies jedoch verbunden mit dem äußeren Anschein von viel Arbeit für den Kunden, ist eine Methode, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Dies ist im Grunde ein Betrug am Kunden. Es wird im Betrieb etwas anderes praktiziert als nach außen dargestellt. Die Maximierung des eigenen Gewinns steht der Minimierung des Abgebens gegenüber, was nach außen als „Wettbewerb“ deklariert wird. In diesem Wettbewerb werden die Meister der Maximierung hofiert. Sie haben umfassende Gestaltungsmöglichkeiten, die weit über ihren ursprünglichen Gestaltungsbereich hinausgehen. Das Handlungsziel, reich zu werden, das eigene Vermögen zu maximieren, wird propagiert. Demgegenüber steht der Kampf um den Preis auf dem Markt. Den Zuschlag bekommt der, der am billigsten ist, der das Minimum bietet. Es ist in dieser Form eine Min-Max-Ökonomie, die vom Gegeneinander-Ausspielen lebt. So gut es ist, dass unsere Wirtschaftsweise Grenzen überwindet und verschiedenste Kulturen in Austausch bringt, so schlecht ist doch der Anreiz, ökonomisches Kapital anzuhäufen, da dies Ungleichheiten schafft und verstärkt. Am Ende kann das Geld gut von schlecht nicht unterscheiden.

Ein Bereich, in dem die Ökonomisierung groß ist und im Kontrast steht zu einer klar qualitativen Frage, ist zum Beispiel das Gesundheitswesen. Die Bewertung, welche Behandlung für den Patienten gut ist, steht vermehrt unter wirtschaftlichem Druck. Durch das DRG-System werden Diagnosen in Geld umgerechnet. Danach wird das Geld verteilt, was unweigerlich zu einem Kellertreppeneffekt führt, da die Pauschalen für die einzelnen Diagnosen im bestehenden kompetitiven System erfasst werden. Beschleunigend wirkt die nicht repräsentative Auswahl der Häuser, anhand derer die Fallpauschalen ermittelt werden, also besonders kostenbewusste Krankenhäuser. Zwar wird dem ungebremsten Wettbewerb durch eine Korrektur in der Berechnung eine Bremse eingebaut, was jedoch kein Gegenmittel zur Bekämpfung der Quantifizierung einer qualitativen Aufgabe ist: der Behandlung eines Patienten unter der Maßgabe, dass jeder Mensch einzigartig ist. So kommt es zu einer Versachlichung und Entfernung vom humanistischen Wesen der Medizin. Weitere Beispiele sind in Bereichen zu finden, in denen das kulturelle und das soziale Kapital von Bedeutung sind.

Die Mitte(l) für ein gutes Miteinander gebrauchen

Doch warum nicht den Mittelweg gehen? Sich am Mittelwert bei der Vergabe von Projekten orientieren? Der Mittelwert scheint mir ein probates Mittel zur Vermeidung des Kellertreppeneffektes zu sein. Konkret wird dies zum Beispiel bei öffentlichen Ausschreibungen: Unter mindestens drei Angeboten, die den Mindestansprüchen genügen, könnte man danach das Angebot auswählen, was am nächsten am Mittelwert ist, und nicht, wie meist üblich, nur auf das günstigste fokussieren. Dieser Ansatz bedeutet aber auch, sich mit einem mittleren Einkommen, einer mittleren Wohnungsgröße, einem mittleren Vermögen zufrieden zu geben. Mehr muss es nicht sein. Somit ist das Genaue in Grenzen, welche durch alle vergleichbaren und messbaren Einheiten bestimmt sind, gehalten. Vermögen sind eine Hinterlassenschaft des Vergangenen. Stehen sie im Mittelpunkt des Handelns, legen sie im Jetzt die Bedingungen für das Tun fest und schränken den Freiraum ein, die Zukunft gestalten zu können. Geben wir diese Grenzen auf, eröffnen sich mehr Gestaltungsmöglichkeiten für unsere Zukunft in qualitativ guter Weise, für welche wir durchaus ökonomische Mittel gebrauchen sollten. Dass der Staat im Schulterschluss mit der Privatwirtschaft massiv bei Insolvenz und Armut in den Lebensalltag eingreift, ist aus meiner Sicht ein Zeichen dafür, wie stark der Mythos vom Geld (siehe zum Beispiel: Yuval Noah Harari, „Eine kurze Geschichte der Menschheit“) und wie schwach unser Sinn für die Gemeinschaft in unserer Gesellschaft verankert ist.

Eine Gesellschaft, die die Einzigartigkeit eines jeden respektiert, kann aus meiner Sicht nicht als Ziel haben, einen Wettbewerb unter allen Menschen zu schüren, um ökonomisches Kapital anzuhäufen. Dies ist ein sehr mächtiges und universelles Werkzeug in einer Gesellschaft, doch sichert die bedingungslose Kapitalakkumulation als Handlungsziel keineswegs ein gutes, lebensfreundliches Miteinander. Oder wie es Otl Aicher in seinem Essay „erweiterungen des ichs“ formuliert: kommerzialismus ist machen um des machens willen, eine um die sinndimension gekappte, amputierte betriebsamkeit zur optimierung des betriebsergebnisses.“

Auf dieser Basis ergeben die Eindämmung von Hypersolvenz und die ausgleichende Umverteilung von ökonomischem Kapital den gesellschaftserhaltenden Sinn. Ein Ansatz, dies zu praktizieren, ist eine wirksame Vermögensteuer, welche sich am Mittelwert orientiert. Es ist unfassbar wesentlich, unsere verschiedensten Vermögensarten zu gebrauchen, um unsere Zukunft gut miteinander zu gestalten.

2 comments

  1. Danke für den Beitrag. Ich stimme nicht mit allen Deinen Positionen überein, finde Deine Abhandlung aber sehr lesenswert. Weiter so!

    Ein paar Anmerkungen hätte ich aber:
    Ich versteh nicht genau, in wieweit Hannah Arendt’s Zitat in die Diskussion passt, weil Du es ja auch garnicht weiter aufzugreifen scheinst. Der 2. Absatz von „Entscheidung durch Vermögende“ ist mir auch nicht 100% klar.

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    1. Vielen Dank für die ermutigende Rückmeldung. Das Zitat von Hannah Arendt ist mir wichtig, da ich den Begriff des Miteinanders viel verwende. Der Unterschied zum Füreinander ist entscheidend. Im Sinne des Miteinanders stehe ich hier auf meiner Internetseite zu meiner Meinung und zum Dialog. Im erwähnten Absatz geht es mir um die Ablenkung durch das Genaue vom Wesentlichen, wie ich es mit einem Kollegen vor ein paar Jahren feststellte. Bei einem Optimierungsproblem mag es eine genaue und eine ungenaue Variable zur Bestimmung der Zielgröße geben. Führen wir die Optimierung durch, ist die genaue Variable bestimmender und so spielte die verrauschte, ungenaue Variable nur eine untergeordnete Rolle. Das ist ein Thema für sich und plane ich textlich auszuarbeiten.

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